Katalogtext Friedrich Meschede

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Tautomanie  

Friedrich Meschede

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Im Zentrum der nachfolgenden Betrachtung steht eine Werkgruppe neuer Gemälde von Kerstin Schröder, die unter dem Titel temp.areas zusammengefasst und numeriert sind. Es handelt sich um großformatige Leinwände, die in ihrer Dimension das Körpermaß des Betrachters übersteigen. Mittels Acrylfarbe und „Zusätzen“, wie es in der Bildlegende heißt, sind Farbformationen erzeugt, die aus der gewöhnlichen Seherfahrung nicht einzuordnen sind. Hinter der Abbreviatur des Titels verbirgt sich eine individuelle Doppeldeutung: „temp.“ steht sowohl für temporär und nimmt damit Bezug auf die zeitlich bedingten Entstehungsprozesse. Kerstin Schröder meint damit aber auch Temperament und spielt auf die chemische Gemengelage an, die sowohl den Gemütszustand als auch das Verhältnis der „Zusätze“ umschreibt, die in ihrer Reaktion aufeinander die Erscheinungsweise des Gemäldes bewirkt haben. Somit ist beschrieben, was zu beschreiben ist, über die Gemälde hingegen noch nichts gesagt.

Kerstin Schröder vertritt eine Auffassung von Malerei, die aus Widersprüchen entsteht. Sie will keine Geschichten oder überlieferte Motive neu interpretieren und somit jeden literarischen Bezug als Rechtfertigung ausschließen. Sie will aber dennoch erzählen, dem Verständnis nach, dass eine Zeit betrachtend – lesend vor dem Bild verbracht wird, um die Bildgeschichte als das Nachvollziehen des Entstehungsprozesses vorzutragen. Kerstin Schröder sucht aber auch jede Signatur einer Farb- und Formsetzung zu vermeiden, um die Farben und Formen wie aus sich selbst heraus erscheinen zu lassen, was in der Konsequenz einen zeitlosen Vorgang meint, denn es ist weder Anfang noch Ende auszumachen. 

Die Formen, die das Bild bestimmen, lassen sich kaum aus bekannten Vorbildern ableiten. Innerhalb der bis heute entstandenen Werkgruppe sind mächtige, längsgerichtete Formen auszumachen, die an ihren Rändern die Farbe dunkler erscheinen lassen und dadurch die Suggestion evozieren, Röhren zu sein, elastische Hohlkörper, deren Enden in Tropfengebilden münden. Diese im Bild sich kreuzenden Großformen erscheinen vor einem Geflecht aus Kleinstformen, die eher an erstarrte Lachen einer unbekannten Flüssigkeit erinnern. Aufgrund dieser proportionalen Unterschiede entsteht ein räumlicher Eindruck des Vorder- und Hintergrundes, jedoch ohne perspektive Anhaltspunkte. In den Bildern herrscht die Vorstellung eines ortlosen Raumes vor und damit erneut der Widerspruch, eine Formillusion vorzutragen, die zwischen einer mikro- und makrokosmischen Welt changiert. Das Bild behauptet sich als ein Kristallisationsmoment. Es führt Formen vor Augen, die nur so im Bild verfestigt worden sind.

Kerstin Schröder hat mehrere Faktoren geplant und eingeleitet, das Bild aus sich selbst heraus entstehen zu lassen. Die Bilderfindung wird an den Zufall delegiert. Alle Binnenformen in den Gemälden von Kerstin Schröder sind durch Prozesse entstanden und basieren auf chemischen Reaktionen der Malmittel und der Physis des Malgrundes in einem bestimmten Zeitraum. Vergleichbare Bildstrukturen können in der Naturwissenschaft erzielt werden, in der Regel jedoch immer nur in einem mikroskopischen Ausschnitt bzw. dessen photographischer Vergrößerung. Es gehört jedoch zum Phänomen der Gemälde von Kerstin Schröder, dass sie in dieser Größe vor Augen treten, dass sie sich in einer gewissen Monumentalität zeigen, die keine Vergrößerung darstellt, sondern als Form in dieser körperlichen Präsenz angelegt ist. Wenn also oben gesagt wurde, dass die Prozesse zeitlos erscheinen, weil sie keinen Anfang und kein Ende zu erkennen geben, so kann im Hinblick auf die Proportionen festgestellt werden, dass es sich weder um mikro- noch um makrokosmische Bildassoziationen handelt, sondern um Gebilde, die sich in dieser Größe behaupten und aufgrund dessen ein Gegenüber darstellen, das sich durch Fremdheit kennzeichnet. Man schaut, weil man so etwas noch nicht gesehen hat.

Es ist bisweilen die Wunschvorstellung von Künstlern, etwas aus sich selbst heraus entstehen zu lassen, eine Metapher, in der enthalten ist, dass die Entstehung von Kunstwerken nicht vergleichbar ist mit Fertigungsabläufen der Industrie. Zugleich sind Künstler immer auch von den technischen Möglichkeiten fasziniert worden, die industrielle Erfindungen und Produktionsprozesse  bereitgestellt haben, weil eine anonyme Perfektion darin enthalten ist, die das Künstlerisch-Individuelle allgemein gültig werden lassen kann. Insbesondere die Avantgarde-Bewegungen der sechziger Jahre haben nachhaltig eine Skepsis bei nachfolgenden Künstlergenerationen hinterlassen, Kunst als expressiven Ausdruck des Persönlichen zu verstehen. Zudem hat der Zweifel am Bild und die immer wieder angestrebte Überwindung dieses Zweifels bewirkt, Bilder zu schaffen, die sich selbst erklären, als Bilder, in denen das Bild tautologisch erscheint: dasselbe wird durch dasselbe ausgedrückt. Dies kann sich in der Malerei, eben anders als in der Sprache, dadurch zum Ausdruck bringen, dass mehrere gleichbedeutende Ausdrücke das gleiche darstellen, aber anders. Die Präzision von Sprache scheitert hier angesichts der Tatsache eines Bildes. 

Es ist Kerstin Schröder gelungen, einen Ausdruck zu finden, genauer gesagt, zu erfinden, der nach den Gesetzen von Logik eingeleitet wird, um in die Eigendynamik von Ergebnissen zu münden, die aufgrund der Vielfalt und Variationsbreite ein Delta von Bildformen bildet. Dieses Delta bleibt unübersichtlich, eigenwillig, unzugänglich, die Bilder schaffen sich ihren eigenen, anderen Ort.

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Tautomania 

by Friedrich Meschede

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The following examines a series of new paintings by Kerstin Schröder that are subsumed and numbered under the title “temp.areas”. These are large-format canvases larger than a viewer’s body. Acrylic paint and “additives”, as the captions put it, create color formations that cannot be filed away in terms of one’s accustomed visual experience. The title’s abbreviation harbors an individual double meaning: “temp.” stands for “temporary” and thus refers to the paintings’ temporal process of creation, but Kerstin Schröder also means by it “temperament” and alludes to the chemical matrix that describes the mood as well as the relationship between the “additives” whose reaction to each other generates the appearance of the painting. With this, we describe what is to be described, but have still not said anything about the paintings.

Kerstin Schröder’s approach to painting arises from contradictions. She does not want to interpret anew stories or traditional motifs, and thus she excludes drawing justification from any literary reference. But, as one understands it, she nonetheless wants to narrate that one must spend time contemplating and reading the picture, in order to present the picture’s story as the tracing of its process of creation. But Kerstin Schröder also seeks to avoid any signature of color- and form-arranging, in order to permit the colors and forms to emerge on their own, which in the final analysis means a timeless process, for neither beginning nor end can be discerned. The forms that shape the picture can hardly be derived from known models. Within the group of works created so far, powerful lengthwise forms can be made out on whose margins the colors appear darker and evoke the idea of tubes, elastic hollow objects whose ends lead to droplet shapes. These large forms crossing each other in the picture appear before a warp and woof of tiny forms that recall a congealed puddle of an unknown fluid. These differences of proportion create a spatial impression of foreground and background, but without any perspectivistic moorings. In the pictures, the idea of a siteless space prevails and thus once again the contradiction of presenting an illusion of form that irridesces between a microcosm and a macrocosm. The picture asserts itself as a crystallization. It shows us forms that have been solidified this way only in a picture.

Kerstin Schröder planned and introduced several factors to allow the picture to develop out of itself. The invention of the picture was left up to chance. All interior forms in Kerstin Schröder’s paintings arose through processes and are based on the chemical reactions of the painting materials and the physical substrate of the canvas in a specific time. Comparable picture structures can be achieved in natural science, but usually only in a microscopic section or in its photographic enlargement. Part of the phenomenon of Kerstin Schröder’s painting is that they appear before our eyes in this size, that they display themselves in a certain monumentality that is not enlargement, but that is inherent as a form in this bodily presence. If I said above that the processes appear timeless because they reveal no beginning or end, then we can note about the proportions that they do not produce microcosmic or macrocosmic visual associations, but shapes that stand forth in this size and that, because of that, represent an unfamiliar encounter. One looks because one has never seen anything like this before.

Artists sometimes wish to let something develop out of itself, a metaphor that implies that the creation of works of art is not comparable to industrial processes of manufacturing. At the same time, artists have also always been fascinated by the technical possibilities provided by industrial inventions and production processes, because they have an anonymous perfection that can make what is artistically individual into something generally valid. The avant-garde movements of the 1960s, in particular, have left in succeeding generations of artists a lasting skepticism toward understanding art as the expression of the personal. Additionally, the effect of the distrust of the picture and the repeated attempts to overcome this distrust has been the creation of pictures that declare themselves as pictures, in which the picture tautologically appears: the same thing is expressed through the same thing. In painting, unlike in writing, this can be brought to expression by having several synonymous expressions represent the same thing, but differently. The precision of language fails here in the face of the facticity of the picture.

Kerstin Schröder has succeeded in finding, or more precisely: in inventing an expression that is introduced in accordance with the rules of logic to flow to its own dynamics of events that, due to its diversity and range of variations, creates a delta of picture forms. This delta remains unsurveillable, willful, inaccessible; the pictures create their own, different site.

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(translated by Mitch Cohen)‚

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Künstlerische Transformationen
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